dimanche 12 août 2018

Ist es gut, gut zu sein? Betrachtungen zum Thema „Hingabe“


Dieses Jahr hatte Hans-Joachim Roedelius beschlossen, die 15. Ausgabe seines Festivals More Ohr Less dem Konzept der Hingabe zu widmen. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Achim mir ermöglischt hat, bei der Eröffnung des Festivals zu teilen. Eine längere Version war vor Ort für Festivalbesucher im Taschenformat  erhältlich.



Baden (Österreich), den 28. Juli 2018

Sylvain Mazars - Ist es gut, gut zu sein? / photo S. Mazars
Was ist Hingabe? Eine Geisteshaltung. Eine Anstrengung aus sich heraus. Wir können uns einer Aufgabe widmen, einem höheren Zweck, oder auch anderen. Wer sich hingibt, ist uns sympathisch, denn er zögert nicht, sein eigenes Interesse zu opfern. Hingabe bedeutet auch Altruismus und Engagement. Das ist schon einiges.
Das ist aber nicht alles. Schätzen wir Hingabe, was immer sie ist? Jeder Tag bringt Aufrufe zum Engagement: „Finden Sie einen Zweck und widmen Sie ihm all ihre Bemühungen“, als ob es eine Übung der individuellen moralischen Hygiene wäre, ohne Rücksicht auf die Gegenstand des Engagement. Man kann sich traurigen Leidenschaften, schuldigen Interessen widmen. Der Inhalt der Hingabe zählt.
Wir schätzen diese Geisteshaltung dennoch spontan als solche. Wir verbinden sie mit Altruismus, wir stellen sie dem Egoismus entgegen. Und wir lehren sie unsere Kindern: „Denke nicht nur an dich selbst!“

Aber wissen wir warum? Warum ist Hingabe gut? Warum ist Altruismus besser als Egoismus? Warum ist es gut, gut zu sein? Für uns ist das offensichtlich. „Wie kannst du so eine blöde Frage stellen?“ Aber Selbstverständlichkeit liegt immer auf einem Grund: intellektuelle Prämissen, anthropologische Postulate, sogar Vorurteile. Sind wir uns so sicher, daß unsere gegenwärtigen Vorurteile die Hingabe verstärken? Oder meinen wir, daß wir frei von Vorurteilen sind?

Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bedauerte H.G. Wells in seinem Buch, Der Luftkrieg (1908), die Entstehung einer neuen Art von Individuum, das sich der Hingabe entzieht, ohne Loyalität, Ehre und Mut. „[Bert Smallways] glaubte, die ganze Pflicht des Menschen bestünde darin, gerissener zu sein als seine Mitmenschen, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich's wohl sein zu lassen. (...) Er war ein bloßes ewig forderndes, ewig kämpfendes Individuum, ohne Sinn für den Staat, ohne eingewurzelte Loyalität, ohne Aufopferung, ohne Ehrenkodex, ja sogar ohne Tapferkeitskodex.“

Hans-Joachim Roedelius / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius
Machiavelli ist vielleicht der Vorläufer dieser Geisteshaltung. Enttäuscht von der Unordnung Italiens in seiner Zeit, schrieb Machiavelli allen Schaden dem schädlichen Einfluss der christlichen Religion auf das politische Leben zu. Den Maximen der Moral stellte er dann seine berühmten Machiavellschen Maximen entgegen, die uns heute so schockieren. Er wollte alle Hindernisse für die Tat beseitigen; er wollte die Trägheit des Guten bekämpfen, denn „nichts behindert Tat mehr als die Idee der guten Tat“. Durch diese Verschiebung vom Imperativ zum Indikativ, oder besser, durch diese Aufwertung des Indikativs als des neuen Imperativs: „Mach, was du sowieso nicht anders machen kannst“, kann Machiavelli als der erste moderne Denker angesehen werden, sogar als der erste revolutionäre Denker. Lange vor Marx machte er die Notwendigkeit zum Grund des moralischen Guten.

Doch dieser anthropologische Pessimismus – der Mensch ist von Natur aus böse – ist die große Prämisse des Liberalismus. Anstatt zu versuchen, den Menschen zu verbessern – das ist der Ziel der Religion – versuchen die Liberalen, den Menschen so zu nehmen, wie er ist, und die Gesellschaft entsprechend zu überdenken.

Für die Liberalen geht es darum, das Recht in der Tatsache zu absorbieren; das Sollen im Sein. Es geht darum, die Laster des Menschen auszunutzen, um eine tugendhafte Gesellschaft aufzubauen. Es ist das Thema der unsichtbaren Hand, die private Laster in öffentliche Vorteile verwandelt. Hier erkennen wir das Credo des Kapitalismus: Wir dürfen den Egoismus nicht bekämpfen, wir müssen ihn fördern, denn wenn jeder seinen Interessen freien Lauf lassen darf, wenn jeder frei ist, sich ungehindert zu bereichern, dann wird dieser Reichtum unweigerlich auf alle Menschen zurückwirken.

Bergen um Lunz am See / photo S. Mazars
Bergen um Lunz am See

Offensichtlich erreicht die liberale Gesellschaft ihr Optimum nur, wenn jeder mitmacht, wenn jeder egoistisch ist. Es ist daher notwendig, diejenigen zu überzeugen, die sich immer noch von der Moral und dem Anstand zurückgehalten fühlen, auf Moral und Anstand zu verzichten. Das Argument besteht dann darin, den Altruismus einer Form von Egoismus anzupassen. Wenn sogar Altruismus ein besonderer Fall von Egoismus ist, welches Recht haben wir, den Schurken Moral zu predigen?

Wir erkennen hier die Philosophie des Verdachts, die von Machiavelli initiiert wurde. Hinter dem Guten, verdächtigen wir immer das Böse. Hinter einer scheinbaren Fürsorge, ein unwiderstehliches Interesse. Das Gute ist nur eine Täuschung, das Böse ist die ganze Realität. Später trugen Montesquieu, Nietzsche und Freud zu dieser Philosophie des Verdachts bei. Nehmen wir einfach zur Kenntnis ihre völlige Übereinstimmung mit dem anthropologischen Pessimismus des Liberalismus. Wenn der Mensch von Natur aus böse ist, dann muß jede gute Tat notwendigerweise eine schlechte Absicht verbergen.

Rosa Roedelius, Nadja Schmidt, Claudia Schumann, Symposium "Hingabe", More Ohr Less 2018 / photo S. Mazars
Rosa Roedelius, Nadja Schmidt, Claudia Schumann
Symposium "Hingabe"
Die Wissenschaft wurde reichlich mobilisiert, um diese These zu akkreditieren. Charles Darwin ist Teil von diesem Denken, indem er den Überlebenskampf verkündet. Mit ihm erklärt die ursprüngliche Selbstsucht nicht nur die Entstehung der Gesellschaften, sondern die Entstehung des ganzen Lebens. Der Mensch ist nicht länger das heilige Geschöpf, das die Religion durch ein göttliches Gesetz zu verändern versucht (der Imperativ). Er ist ein entwickelter Affe, und daher kann sein Gesetz nur das von den anderen Tieren sein; das Gesetz der Natur, hier gemeint als die physikalische Natur; und das bedeutet: das Gesetz des Dschungels: Es besteht darin, „zu tun, was man sowieso nicht anders machen kann“ (der Indikativ).
Alfred Wallace, der wirkliche Erfinder dessen, was wir heute als Darwinismus bezeichnen, versuchte zunächst, die Beständigkeit des Altruismus in menschlichen Gesellschaften zu erklären, eine echte Anomalie in einer Theorie, die das Überleben als Zweck des Lebens verkündet. Wenn Individuen nach Wallace, altruistisch sein können, ist es zugunsten einer Gruppe, die egoistisch bleibt; Gruppen, die Altruismus, gegenseitige Hilfe, Teamarbeit praktizieren, werden schließlich alle andere Gruppen ausstechen. Euphemismus für vernichten. Und bald wird die Idee des Überlebenskampfes, von Individuenkampf, plötzlich als Rassenkampf verstanden. Eine fruchtbare Idee, die nur ein paar Jahrzehnte später völkermörderisch wurde.
Überraschenderweise, egal wie gut die blutige Folgen dieser Theorien uns bekannt sind, tauchen sie regelmäßig auf. Einer unserer Zeitgenossen, Richard Dawkins, reduziert Altruismus auf Genegoismus, anstatt auf Gruppenegoismus. Nach seiner Theorie des „egoistischen Gens“ wären wir nur Maschinen, sterbliche Träger unsterblicher Gene. Wenn wir glauben, altruistisch zu handeln, sind wir in der Tat unwissentlich von unseren Genen gesteuert, die so egoistisch ihre eigene Reproduktion gewährleisten. Aber was unterscheidet diese rein spekulative Theorie, ohne jede wissenschaftliche Grundlage, vom Glauben der alten Griechen, die sich selbst sahen, als elende Sterbliche, nur vergängliche Spielzeuge der Leidenschaften der Götter?
Die psychoanalytische Theorie basiert auf dem selben Prinzip. Alles, was der Mensch für seine innerste Freiheit haltet, kann in letzter Konsequenz auf einen schlecht aufgelösten infantilen Komplex reduziert werden.

Rosa Roedelius Bühnenbild / photo S. Mazars
Rosa Roedelius Bühnenbild
In jedem Fall ist Altruismus nur eine Illusion. Hingabe, eine Art Heuchelei. Dies ist das Porträt, das wir jetzt von einer hingebungsvollen Person nun zeichnen können. Zur Wahl: ein Fanatiker, ein Heuchler, ein Affe, eine Maschine, ein Verdrängtes. Ein Porträt, das weit verbreiteten Ideen alles verdankt. 1930 verwarf ein österreichischer Autor, Robert Musil, alle diese Ideen, in seinem Roman, Der Mann ohne Eigenschaften. Musil verurteilte die „eigenartige Vorliebe (...), die das wissenschaftliche Denken für mechanische, statistische, materielle Erklärungen hat, denen gleichsam das Herz ausgestochen ist. Die Güte nur für eine besondere Form des Egoismus anzusehen; Gemütsbewegungen in Zusammenhang mit inneren Ausscheidungen zu bringen; festzustellen, daß der Mensch zu acht oder neun Zehnteln aus Wasser besteht; die berühmte sittliche Freiheit des Charakters als ein automatisch entstandenes Gedankenanhängsel des Freihandels zu erklären; Schönheit auf gute Verdauung und ordentliche Fettgewebe zurückzuführen; Zeugung und Selbstmord auf Jahreskurven zu bringen, die das, was freieste Entscheidung zu sein scheint, als zwangsmäßig zeigen.“

Arnulf Rainer Museum, Baden / photo S. Mazars
Arnulf Rainer Museum, Baden

Nun ist es klar, daß die Antwort auf die Frage, die ich eingangs gestellt habe, „Warum ist Hingabe gut?“, nicht mehr selbstverständlich ist. Ich sagte, daß wir den Altruisten spontaner beurteilen als den Egoisten. Und dennoch, genauso spontan, glauben wir nicht wirklich an Altruismus, da wir postulieren, daß er nur eine Illusion ist, wenn nicht ein Übel.

Wir sind gewohnt, nach den Vorurteilen des Marktes zu denken. Daher haben wir vergessen, daß Gabe und Rückgabe für den größten Teil der Geschichte der Menschheit die wichtigste Art des Austausches gewesen sind. Allerdings, wenn Sie sich heute auf Gabe und Rückgabe berufen, werden Sie höchstwahrscheinlich des naiven Glaubens an „eine kostenlose Gabe“ bezichtigt. Ihnen wird gesagt, daß nichts kostenlos ist. Ihnen wird zum Beispiel erklärt, daß die Gabe nur eine soziale Strategie ist, um Prestige zu gewinnen oder Freunde zu finden: Altruismus ist falsch. Und dann ist eine kostenlose Gabe unmoralisch. Es ist Dumping, es ist unfairer Wettbewerb: Altruismus ist schlecht.

Spontane Hingabe ist uns verdächtig, seien wir ehrlich. Wir vertrauen eher jemandem, der uns Hilfe anbietet, wenn wir zuerst erkennen können, was er im Gegenzug erhält. Ist jedes Verhalten unserer Mitmenschen nur durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung motiviert?

Mittersee / photo S. Mazars
Mittersee
Jeder weiß, tief im Inneren, daß es eine edle Tat ist, sein Leben für andere zu geben. Sich für Freiheit oder Gleichheit oder Menschenrechte zu opfern: Es ist eine edle Tat. Aber wenn das höchste Kriterium des Guten auf mein Überleben und mein unmittelbares Wohlergehen hinausläuft, dann ist es eine wahnsinnige Tat. Und doch, gibt es gar keine Freiheit, keine Gleichheit, keine Menschenrechte ohne solche Taten. Ohne sie, wird der erste Tyrann, der entschlossen ist, ihre Freiheit wegzunehmen, ohne Kampf Erfolg erreichen, weil er auf ihre Passivität zählen kann. Wenn ich überleben kann, und wenn ich meine kleinen Angelegenheiten ruhig weiterführen darf, ist es mir egal unter welcher Regierung.
Leichte Beute, derjenige der nur danach strebt zu überleben, nach Vergnügungen zu streben, Leiden zu vermeiden, sogar auf Kosten der Schande.
Der Mensch ohne Loyalität, ohne Hingabe, ohne Ehre, ohne Mut, dessen einziges Ziel es ist, „sich's wohl sein zu lassen“ und „sein Schäfchen ins Trockene zu bringen“: wir erkennen hier den von H.G. Wells denunzierten Menschen. Wir erkennen auch uns selbst.

Christine-Martha Roedelius / photo S. Mazars
Christine-Martha Roedelius
Symposium "Hingabe"
In der Tat hängen wir immer noch an der Idee des Guten, an Moral, an Recht, an Freiheit, aber wie können alle diese Begriffe uns wirklich wichtig sein, wenn wir gleichzeitig die folgenden Vorurteile bekennen:
— Der Mensch ist schädlich. Er ist das schlimmste Tier. Er macht Krieg, er zerstört die Umwelt. Aber wenn wir den Menschen für unwürdig halten, warum sollten wir ihm Rechte gewähren?
— Der Mensch ist nichts Besonderes. Er ist nur ein entwickelter Affe, der 99% seiner DNA mit dem Schimpansen teilt. Aber wenn der Mensch nichts anderes als ein Tier ist, warum sollten wir ihn nicht wie ein Tier behandeln? Wir sollten nicht denken, daß es sich um vage und ferne Gefahren handelt. Diese Ideen haben bereits ihre Wirkung entfaltet. Alle prominenten Persönlichkeiten der Biologie des späten neunzehnten Jahrhunderts wurden logisch von ihren Theorien geleitet, den eugenischen und rassenhygienischen Maßnahmen zuzustimmen, die zu ihrer Zeit trendig waren. Und unsere eigenen Überzeugungen sind nicht so weit von ihren entfernt.
— Der Mensch ist nicht wirklich frei. So wie wir Altruismus schätzen, ohne an ihn wirklich zu glauben, lieben wir die Freiheit, ohne an sie wirklich zu glauben. Der freie Wille ist nur eine Illusion. All unsere Entscheidungen sind nur das Ergebnis einer Kombination von genetischen und Umweltfaktoren. Nur unsere Ignoranz bringt uns dazu, diese Entscheidungen frei zu glauben. Gene, Hormone, das Unbewusste, unsere soziale Gruppe, sind so viele deterministische Faktoren, mit denen Biologie, Medizin, Psychoanalyse und Soziologie unsere illusorische Freiheit triumphierend erklären. Doch wenn der Mensch nicht frei ist, warum versuchen wir immer noch, das Gute und das Böse zu unterscheiden? Das Böse ist unvorstellbar, wenn wir nur „tun, was wir sowieso nicht anders tun können“.
— Der Mensch ist reine Materie, reiner Zellverband. Er hat keine Seele. Sogar sein Denken ist nur eine komplexe Kombination physikalisch-chemischer Prozesse.
Aber wenn der Mensch eine Sache ist, dann sind Menschenrechte bedeutungslos.
Wenn der Mensch eine Sache ist, erwarten wir, daß er als solcher behandelt wird. Schon wieder.

More Ohr Less merchandising / photo S. Mazars
More Ohr Less merchandising