Dieses Jahr hatte Hans-Joachim Roedelius beschlossen, die 15. Ausgabe seines Festivals More Ohr Less dem Konzept der Hingabe zu widmen. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Achim mir ermöglischt hat, bei der Eröffnung des Festivals zu teilen. Eine längere Version war vor Ort für Festivalbesucher im Taschenformat erhältlich.
Baden (Österreich),
den 28. Juli 2018
Was ist Hingabe?
Eine Geisteshaltung. Eine Anstrengung aus sich heraus. Wir können uns einer
Aufgabe widmen, einem höheren Zweck, oder auch anderen. Wer sich hingibt, ist
uns sympathisch, denn er zögert nicht, sein eigenes Interesse zu opfern. Hingabe bedeutet auch Altruismus und Engagement.
Das ist schon einiges.
Das ist aber
nicht alles. Schätzen wir Hingabe, was immer sie ist? Jeder Tag bringt Aufrufe
zum Engagement: „Finden Sie einen Zweck und widmen Sie ihm all ihre
Bemühungen“, als ob es eine Übung der individuellen moralischen Hygiene wäre,
ohne Rücksicht auf die Gegenstand des Engagement.
Man kann sich traurigen Leidenschaften, schuldigen Interessen widmen. Der
Inhalt der Hingabe zählt.
Wir schätzen
diese Geisteshaltung dennoch spontan als solche. Wir verbinden sie mit
Altruismus, wir stellen sie dem Egoismus entgegen. Und wir lehren sie unsere
Kindern: „Denke nicht nur an dich selbst!“
Aber wissen wir
warum? Warum ist Hingabe gut? Warum ist Altruismus besser als Egoismus? Warum
ist es gut, gut zu sein? Für uns ist das offensichtlich. „Wie kannst du so eine
blöde Frage stellen?“ Aber Selbstverständlichkeit liegt immer auf einem Grund:
intellektuelle Prämissen, anthropologische Postulate, sogar Vorurteile. Sind
wir uns so sicher, daß unsere gegenwärtigen Vorurteile die Hingabe verstärken?
Oder meinen wir, daß wir frei von Vorurteilen sind?
Am Anfang des
zwanzigsten Jahrhunderts bedauerte H.G. Wells in seinem Buch, Der Luftkrieg (1908), die Entstehung
einer neuen Art von Individuum, das sich der Hingabe entzieht, ohne Loyalität,
Ehre und Mut. „[Bert Smallways] glaubte,
die ganze Pflicht des Menschen bestünde darin, gerissener zu sein als seine
Mitmenschen, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich's wohl sein zu
lassen. (...) Er war ein bloßes ewig forderndes, ewig kämpfendes Individuum,
ohne Sinn für den Staat, ohne eingewurzelte Loyalität, ohne Aufopferung, ohne
Ehrenkodex, ja sogar ohne Tapferkeitskodex.“
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| Hans-Joachim Roedelius |
Doch dieser
anthropologische Pessimismus – der Mensch ist von Natur aus böse – ist die
große Prämisse des Liberalismus. Anstatt zu versuchen, den Menschen zu
verbessern – das ist der Ziel der Religion – versuchen die Liberalen, den
Menschen so zu nehmen, wie er ist, und die Gesellschaft entsprechend zu
überdenken.
Für die Liberalen
geht es darum, das Recht in der Tatsache zu absorbieren; das Sollen im Sein. Es
geht darum, die Laster des Menschen auszunutzen, um eine tugendhafte
Gesellschaft aufzubauen. Es ist das Thema der unsichtbaren Hand, die private
Laster in öffentliche Vorteile verwandelt. Hier erkennen wir das Credo des
Kapitalismus: Wir dürfen den Egoismus nicht bekämpfen, wir müssen ihn fördern,
denn wenn jeder seinen Interessen freien Lauf lassen darf, wenn jeder frei ist,
sich ungehindert zu bereichern, dann wird dieser Reichtum unweigerlich auf alle
Menschen zurückwirken.
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| Bergen um Lunz am See |
Offensichtlich erreicht die liberale Gesellschaft ihr Optimum nur, wenn jeder mitmacht, wenn jeder egoistisch ist. Es ist daher notwendig, diejenigen zu überzeugen, die sich immer noch von der Moral und dem Anstand zurückgehalten fühlen, auf Moral und Anstand zu verzichten. Das Argument besteht dann darin, den Altruismus einer Form von Egoismus anzupassen. Wenn sogar Altruismus ein besonderer Fall von Egoismus ist, welches Recht haben wir, den Schurken Moral zu predigen?
Wir erkennen hier
die Philosophie des Verdachts, die von Machiavelli initiiert wurde. Hinter dem
Guten, verdächtigen wir immer das Böse. Hinter einer scheinbaren Fürsorge, ein
unwiderstehliches Interesse. Das Gute ist nur eine Täuschung, das Böse ist die
ganze Realität. Später trugen Montesquieu, Nietzsche und Freud zu dieser
Philosophie des Verdachts bei. Nehmen wir einfach zur Kenntnis ihre völlige
Übereinstimmung mit dem anthropologischen Pessimismus des Liberalismus. Wenn
der Mensch von Natur aus böse ist, dann muß jede gute Tat notwendigerweise eine
schlechte Absicht verbergen.
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| Rosa Roedelius, Nadja Schmidt, Claudia Schumann Symposium "Hingabe" |
Alfred Wallace,
der wirkliche Erfinder dessen, was wir heute als Darwinismus bezeichnen,
versuchte zunächst, die Beständigkeit des Altruismus in menschlichen
Gesellschaften zu erklären, eine echte Anomalie in einer Theorie, die das
Überleben als Zweck des Lebens verkündet. Wenn Individuen nach Wallace, altruistisch
sein können, ist es zugunsten einer Gruppe, die egoistisch bleibt; Gruppen, die
Altruismus, gegenseitige Hilfe, Teamarbeit praktizieren, werden schließlich
alle andere Gruppen ausstechen. Euphemismus für vernichten. Und bald wird die
Idee des Überlebenskampfes, von Individuenkampf, plötzlich als Rassenkampf
verstanden. Eine fruchtbare Idee, die nur ein paar Jahrzehnte später
völkermörderisch wurde.
Überraschenderweise,
egal wie gut die blutige Folgen dieser Theorien uns bekannt sind, tauchen sie
regelmäßig auf. Einer unserer Zeitgenossen, Richard Dawkins, reduziert
Altruismus auf Genegoismus, anstatt auf Gruppenegoismus. Nach seiner Theorie
des „egoistischen Gens“ wären wir nur Maschinen, sterbliche Träger unsterblicher
Gene. Wenn wir glauben, altruistisch zu handeln, sind wir in der Tat
unwissentlich von unseren Genen gesteuert, die so egoistisch ihre eigene
Reproduktion gewährleisten. Aber was unterscheidet diese rein spekulative
Theorie, ohne jede wissenschaftliche Grundlage, vom Glauben der alten Griechen,
die sich selbst sahen, als elende Sterbliche, nur vergängliche Spielzeuge der
Leidenschaften der Götter?
Die
psychoanalytische Theorie basiert auf dem selben Prinzip. Alles, was der Mensch
für seine innerste Freiheit haltet, kann in letzter Konsequenz auf einen
schlecht aufgelösten infantilen Komplex reduziert werden.
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| Rosa Roedelius Bühnenbild |
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| Arnulf Rainer Museum, Baden |
Nun ist es klar, daß die Antwort auf die Frage, die ich eingangs gestellt habe, „Warum ist Hingabe gut?“, nicht mehr selbstverständlich ist. Ich sagte, daß wir den Altruisten spontaner beurteilen als den Egoisten. Und dennoch, genauso spontan, glauben wir nicht wirklich an Altruismus, da wir postulieren, daß er nur eine Illusion ist, wenn nicht ein Übel.
Wir sind gewohnt,
nach den Vorurteilen des Marktes zu denken. Daher haben wir vergessen, daß Gabe
und Rückgabe für den größten Teil der Geschichte der Menschheit die wichtigste
Art des Austausches gewesen sind. Allerdings, wenn Sie sich heute auf Gabe und
Rückgabe berufen, werden Sie höchstwahrscheinlich des naiven Glaubens an „eine
kostenlose Gabe“ bezichtigt. Ihnen wird gesagt, daß nichts kostenlos ist. Ihnen
wird zum Beispiel erklärt, daß die Gabe nur eine soziale Strategie ist, um Prestige
zu gewinnen oder Freunde zu finden: Altruismus ist falsch. Und dann ist eine
kostenlose Gabe unmoralisch. Es ist Dumping, es ist unfairer Wettbewerb:
Altruismus ist schlecht.
Spontane Hingabe
ist uns verdächtig, seien wir ehrlich. Wir vertrauen eher jemandem, der uns
Hilfe anbietet, wenn wir zuerst erkennen können, was er im Gegenzug erhält. Ist
jedes Verhalten unserer Mitmenschen nur durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung
motiviert?
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| Mittersee |
Leichte Beute,
derjenige der nur danach strebt zu überleben, nach Vergnügungen zu streben,
Leiden zu vermeiden, sogar auf Kosten der Schande.
Der Mensch ohne
Loyalität, ohne Hingabe, ohne Ehre, ohne Mut, dessen einziges Ziel es ist,
„sich's wohl sein zu lassen“ und „sein Schäfchen ins Trockene zu bringen“: wir
erkennen hier den von H.G. Wells denunzierten Menschen. Wir erkennen auch uns
selbst.
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| Christine-Martha Roedelius Symposium "Hingabe" |
— Der Mensch ist
schädlich. Er ist das schlimmste Tier. Er macht Krieg, er zerstört die Umwelt.
Aber wenn wir den Menschen für unwürdig halten, warum sollten wir ihm Rechte gewähren?
— Der Mensch ist
nichts Besonderes. Er ist nur ein entwickelter Affe, der 99% seiner DNA mit dem
Schimpansen teilt. Aber wenn der Mensch nichts anderes als ein Tier ist, warum
sollten wir ihn nicht wie ein Tier behandeln? Wir sollten nicht denken, daß es
sich um vage und ferne Gefahren handelt. Diese Ideen haben bereits ihre Wirkung
entfaltet. Alle prominenten Persönlichkeiten der Biologie des späten
neunzehnten Jahrhunderts wurden logisch von ihren Theorien geleitet, den
eugenischen und rassenhygienischen Maßnahmen zuzustimmen, die zu ihrer Zeit
trendig waren. Und unsere eigenen Überzeugungen sind nicht so weit von ihren
entfernt.
— Der Mensch ist
nicht wirklich frei. So wie wir Altruismus schätzen, ohne an ihn wirklich zu
glauben, lieben wir die Freiheit, ohne an sie wirklich zu glauben. Der freie
Wille ist nur eine Illusion. All unsere Entscheidungen sind nur das Ergebnis
einer Kombination von genetischen und Umweltfaktoren. Nur unsere Ignoranz
bringt uns dazu, diese Entscheidungen frei zu glauben. Gene, Hormone, das
Unbewusste, unsere soziale Gruppe, sind so viele deterministische Faktoren, mit
denen Biologie, Medizin, Psychoanalyse und Soziologie unsere illusorische
Freiheit triumphierend erklären. Doch wenn der Mensch nicht frei ist, warum
versuchen wir immer noch, das Gute und das Böse zu unterscheiden? Das Böse ist
unvorstellbar, wenn wir nur „tun, was wir sowieso nicht anders tun können“.
— Der Mensch ist
reine Materie, reiner Zellverband. Er hat keine Seele. Sogar sein Denken ist
nur eine komplexe Kombination physikalisch-chemischer Prozesse.
Aber wenn der
Mensch eine Sache ist, dann sind Menschenrechte bedeutungslos.
Wenn der Mensch
eine Sache ist, erwarten wir, daß er als solcher behandelt wird. Schon wieder.
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| More Ohr Less merchandising |








