dimanche 11 août 2019

Hoffnung oder Fortschritt. Betrachtungen zum Thema „Hoffnung“


Dieses Jahr hatte Hans-Joachim Roedelius beschlossen, die 16. Ausgabe seines Festivals More Ohr Less dem Konzept der Hoffnung zu widmen. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Achim mir ermöglischt hat, bei der Eröffnung des Festivals zu teilen. Eine längere Version war vor Ort für Festivalbesucher im Taschenformat erhältlich.



Baden (Österreich), den 28. Juli 2019

Das Gefühl der Hoffnung hat es immer gegeben. Die Hoffnung auf eine gute Ernte oder auf Heilung; die Hoffnung, Liebe zu finden oder die Ketten zu sprengen; oder auch die eher zeitgenössische Hoffnung darauf, etwa eine Prüfung zu bestehen oder einen Job zu bekommen. Wir stellen fest, daß die Idee der Hoffnung unmittelbar die Vorstellung von Gut und Böse beinhaltet. Hoffen ist schon urteilen. Es geht darum, sich vom Bösen zu entfernen und dem Guten näher zu kommen. Heute sind wir an sehr andere, viel ehrgeizigere Hoffnungen gewöhnt: die Abschaffung von Krieg, von Hunger, von Armut, von Unterdrückung. Welche Hoffnungen! Solche Hoffnungen hat es nicht immer gegeben, denn sie sind innerhalb eines bestimmten Gedankenrahmens entstanden. Damit sie bloß denkbar wurden, war es zunächst notwendig, von einer zyklischen zu einer linearen Zeitauffassung überzugehen. Das heißt, von einer Zeit, in der es nur darum ging, den nächsten Tag zu sichern, und wo die Hoffnung notwendigerweise auf diesen Horizont beschränkt war, zu einer Zeit, wo es zulässig ist, eben auf mehr zu hoffen, bis zur Abschaffung des Bösen selbst.

Die ältesten Zeitauffassungen sind zyklisch. Zum Beispiel der Mythos der ewigen Wiederkehr. Der Begriff des Zyklus ist Teil der unmittelbaren menschlichen Erfahrung: Zyklus von Tag und Nacht, oder von Jahreszeiten, Erntezyklus, Zyklus von Geburt, Leben und Tod. Der Gedanke an die ewige Wiederkunft setzt jedoch kein Fatalismus voraus, der das Handeln abschreckt. Denn die selbe menschliche Erfahrung lehrt, daß jedes Handeln – jede Aktion – eine Reaktion auslöst. Um zu ernten, müssen wir säen; um zu überleben, müssen wir uns ernähren. Der Zyklus ist daher kein Handlungshindernis; Er ist der Maßstab für das Handeln. Was mit dem Zyklus übereinstimmt, ist recht, was nicht, ist ungerecht. Der Zyklus ist die unmittelbare Quelle der Moral. Diese Moral befiehlt bestimmte Dinge in einer bestimmten Reihenfolge zu tun, um zu gewährleisten, daß nach der Nacht der Tag zurückkommt; nach dem Winter, der Frühling. Wir müssen genau wiederholen, was unsere Vorfahren gemacht haben. Umgekehrt wird jede Naturkatastrophe logisch als Folge einer schlechten Handlung wahrgenommen. Die Stabilität des Zyklus zu gewährleisten, ist die Funktion des Verbots, und Unruhestifter zu bestrafen ist die Funktion des Ritus, der immer ein Reinigungsritus ist. Daher die Figur des Sündenbocks. Innerhalb einer solchen Vorstellung, sind die Arten von Hoffnung, die wir zuerst überprüft haben, leicht verständlich. Aber nur wenn man den Rahmen des Ritus verlässt, wenn man den Mythos der ewigen Wiederkehr verlässt, kann man sich Hoffnung nicht nur als Gefühl, sondern als Weltorientierung vorstellen. Dies erfordert eine Entmystifizierung.

Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius
Indem sie die Mythen ablehnt stellt die griechische Philosophie zum ersten Mal die Moral als Problem dar. Es geht darum, eine neue Antwort auf die Frage „Was soll ich tun?“ zu finden, ohne jegliche Unterstützung von Mythen, Traditionen und dem, was man schon immer getan hat. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse bedarf dann eines neuen Antriebs, eines objektiven Beurteilungskriteriums, ohne welches sich Gut und Böse in der Subjektivität aller auflösen würden. Die Griechen hatten ein solches Kriterium: den Kosmos. Seit Pythagoras bezeichnen die Griechen „alles, was ist“ – die Welt – unter dem Begriff Kosmos, was etymologisch „gute Ordnung“ oder „harmonische Anordnung“ bedeutet. Um diesen Begriff ins Lateinische zu übersetzen, haben die Römer das Wort mundus, das sich ursprünglich auf den Schmuck der Frau (die „schöne Erscheinung“) bezog, derselben Ableitung unterworfen, vom Sinn der „guten Ordnung“ zu dem von „Welt“. In dieser Perspektive ist die Welt eine Gegebenheit, die von Anfang an als Gut wahrgenommen wird. Und aus der Kluft zwischen diesem geordneten Kosmos, der durch die Regelmäßigkeit der Sterne gekennzeichnet wird, und der Unordnung des Lebens auf der Erde entsteht das Bedürfnis nach Ethik. In diesem Sinn unterschied Aristoteles die sublunare Welt (unter dem Mond) von der supralunaren Welt (über dem Mond). Die erste, die von Menschen, muß sich sein Verhaltenskriterium von der letzteren ausleihen. Daher leitet der Mensch seine Moral aus der physischen Welt ab. Diese kosmische Auffassung entgeht dem Mythos. Der Mensch ist nicht mehr der allmächtige Autor von Ordnung und Chaos, Gut und Böse. Das Gute läuft ihm voraus. Diese Auffassung ist aber immer noch zyklisch, denn sie beruht weiterhin auf der Hoffnung, das Gleichgewicht wiederherzustellen, wenn es zerbrochen ist.

Alfred Goubran @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Alfred Goubran
Im Christentum ist die Welt kein Kosmos, aber sie bleibt immer noch die gute Schöpfung eines guten Gottes. Aus diesem Grund erkennt das Christentum auch die Welt als Kriterium des Guten an. Dagegen ist die Zeit der Christen nicht länger zyklisch, sondern linear. Für die Christen so wie für die Juden läuft die Zeit darauf hinaus, daß sie eines Tages mit der Herrschaft Gottes ihr Ende findet. Ihre Hoffnung besteht nicht mehr in der Wiederherstellung eines Gleichgewichts, sondern im Jenseits, im Heil. Somit ergibt sich auch in dunklen Zeiten eine umfassende Möglichkeit, das Gute zu erhoffen.

Als Galileo im 17. Jahrhundert jedoch erklärt, daß „das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben“ ist, wird der Unterschied zwischen den sublunaren und supralunaren Welten hinfällig. Die Sterne sind doch nicht so perfekt und hier auf Erden sind die Dinge doch nicht ganz so chaotisch. Scheinbarer Chaos oder scheinbare Perfektion können allseitig von der Mathematik erklärt werden. Nun macht es keinen Sinn mehr, zu behaupten, im Himmel oder in der Natur irgendeine Regel der Ethik zu finden. Der gute Kosmos wird zum neutralen Universum, das wir kennen. Aber was wird aus der Moral? Weil das Gute nicht mehr gegeben ist, kann es nur noch hergestellt werden. „Was moralisch werden wird, besteht nicht mehr darin, seinen Platz in der Gegebenheit zu finden, sondern sich mit der unendlichen Aufgabe zu beschäftigen, die Gegebenheit – die Natur, die Gesellschaft – umzuwandeln, um in die Welt das Gute zu bringen, das ihr a priori fehlt.“ (Olivier Rey) „Für die Moderne, bedeutet der Kampf gegen die Natur das Böse zu bekämpfen, und das Gute zu verbreiten.“ (Rémi Brague) Hier erkennen wir den Keim einer uns bekannten Idee: die Idee des Fortschritts. Nicht der allgemeine Begriff der Verbesserung, sondern der ganz neue Begriff einer unbegrenzten, unumkehrbaren und notwendigen Bewegung in Richtung des Guten.

Lunz am See, More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Lunz am See

Mit der Idee des Fortschritts ist das Gute kein Anfang mehr, sondern ein Ziel; Kein Verhaltenskriterium, sondern ein Programm: „Die Erleichterung und Verbesserung des Zustandes der Menschen“, nach der berühmten Formel von Francis Bacon. Und so Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Dann ändert sich die Richtung der Hoffnung. Diese Hoffnung bleibt zwar linear, zielt aber jetzt nicht mehr auf das Jenseits, sondern auf das Diesseits; nicht mehr auf das Heil, sondern auf die Zukunft. Genau genommen, ist sie keine richtige Hoffnung, sondern eine Art Optimismus, der vom Handeln abhängig ist. Weil ihr unterstellt wird, eine passive Haltung vorauszusetzen, verliert die Hoffnung ihre Tugendhaftigkeit zugunsten des Handelns. Es ist besser zu handeln als einfach zu hoffen. Entgegen der Hoffnung basiert der Optimismus auf Begriffe wie Berechnung und Vorhersagbarkeit. Doch ist Progressivismus mehr als bloßer Optimismus. Er ist ein grundsätzlicher Optimismus, eine Gewissheit: Alles wird notwendigerweise gut laufen.

Die Erfahrung des Totalitarismus und der Weltkriege im zwanzigsten Jahrhundert machte diesen Fortschrittsglauben unhaltbar. Die Vorstellung, daß technischer Fortschritt mechanisch zu moralischem Fortschritt führen muß, ist seither ständig widerlegt worden. Wir wissen heute, daß der Fortschritt ebenso versklaven wie emanzipieren kann. Und wir verdanken Theodor Adorno die treffendste Formulierung dieser Zweideutigkeit des Fortschritts, der „von der Steinschleuder zur Megabombe“ führt.

Christoph H. Müller @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Christoph H. Müller
Doch scheint die Idee des Fortschritts immer noch zu faszinieren. Internet für alle! Transhumanismus! Wir haben das Versagen des Fortschritts nicht als solches erlebt, sondern als Verrat. Er hielt seine Versprechen nicht ein, aber wir hängen immer noch an ihnen, ohne zu verstehen, daß solche Katastrophen in seinen wesensmäßig nihilistischen Grundsätzen verwurzelt waren. In der Tat ist Progressivismus an sich ein prinzipieller Nihilismus. „Er dekretiert, daß diese Welt wertlos ist, da jede andere Welt besser sein wird. (...) Es ist anzunehmen, daß wir nichts zu verlieren haben, daß wir in Wirklichkeit gar nichts haben. Es geht darum, das ganze Sein ins Nichts zu senken, indem man nur dem, was noch nicht ist, Glauben schenkt.“ Morgen wird derselbe Optimismus „alles vernichten, was potenzielle Fortschritte in der Zwischenzeit verwirklicht werden haben“ (François-Xavier Bellamy).

Auch unser Umweltbewusstsein ist von der Logik des progressivistischen Nihilismus betroffen. Wirklich? Die Natur zu schützen, um ihre Ressourcen zu schützen, ist das nicht im Gegenteil ein konservatives Thema? Nicht wirklich. Die Natur als eine zu schützende Ressource zu betrachten, bedeutet immer noch, sie als Ressource zu betrachten, das heißt genau aus der Perspektive, die zu ihrer Nutzung führte. Wir sind immer noch Progressivisten. Deshalb wollen wir die Natur nicht wirklich schützen, sondern „den Planeten retten“. So das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung. Die Entwicklung muß fortgesetzt werden, jedoch zu geringeren Kosten, der Profitlogik entsprechend. Dafür setzen wir auf immer mehr neue Mittel, immer mehr neue Technologien. Als ob der beste Weg, das menschliche Handeln zu bremsen, mehr menschliches Handeln wäre.

Jacques Gassmann & MOL Brainstorming Orchester @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Jacques Gassmann & MOL Brainstorming Orchester
„Was wir noch mehr brauchen als Hoffnung ist Action, sagt Greta Thunberg, die junge schwedische Klimaaktivistin. Wenn wir erstmal anfangen etwas zu tun, dann gibt es auch Hoffnung“, sagt sie. Aber die Hoffnung dem Handeln unterzuordnen, bedeutet nicht, etwas Gutes anzustreben, sondern das Handeln selbst als das Gute zu definieren. Wenn die Handlung an sich das Kriterium des Guten ist, kann keine Handlung als böse bezeichnet werden. Die Hoffnung dem Handeln unterzuordnen, bedeutet auch, dem progressivistischen Nihilismus zuzustimmen: Es ist notwendig, vor dem Schlammhaufen zu fliehen, den die gegenwärtige Welt darstellt. Man erwartet von der Handlung, daß sie die Hoffnung hervorruft, gerade deshalb, weil es die Hoffnungslosigkeit ist, die die Handlung auslöst: die Aussicht auf die Apokalypse, der Hass auf die Welt, wie sie ist. Wahre Hoffnung ist dem Handeln nicht untergeordnet. Sie ist es, die das Handeln unterordnet. Handlungen, die durch Hoffnung hervorgerufen werden, werden immer durch das Bewusstsein gemildert, daß schlechtes Handeln immer möglich ist: das, was die Hoffnung verletzt, die es bereits gibt. Alles ist nicht erlaubt.

Wahre Hoffnung ist Teil eines Denken des Sinnes. Letztendlich geht es eher darum, dem Problem des Bösen einen Sinn zu geben, als eine Lösung. Denn das Böse kann nicht beseitigt werden. Es ist der Tragödie des Lebens innewohnend, und daher unabänderlich. Dies gilt sowohl in der Natur als auch in den menschlichen Angelegenheiten. Die Dynamik des Lebens, die die Evolution ermöglicht, ermöglicht auch Krebs. Und Technik, die wir lieben, so wie zum Beispiel das Internet, war ursprünglich oft für militärische Zwecke gedacht. Die moralischen Auswirkungen unserer guten oder schlechten Handlungen lassen sich nicht wissenschaftlich vorhersehen. Sie offenbaren sich. Die Hoffnung bedeutet nicht zu glauben, daß sich die Dinge gut entwickeln werden, weil wir sozialen Ursachen beseitigen, Technologie entwickeln oder irgendeinen Feind der Menschheit vernichten. Hoffnung sind Sie selber. Sie sind es, Die Sie dafür sorgen, daß das Leben, auch unter den widrigsten Umständen, immer lebenswert sein wird.

Carl Michael von Hausswolff, Christine-Martha Roedelius, Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Carl Michael von Hausswolff, Christine-Martha Roedelius, Hans-Joachim Roedelius