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dimanche 11 août 2019

Hoffnung oder Fortschritt. Betrachtungen zum Thema „Hoffnung“


Dieses Jahr hatte Hans-Joachim Roedelius beschlossen, die 16. Ausgabe seines Festivals More Ohr Less dem Konzept der Hoffnung zu widmen. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Achim mir ermöglischt hat, bei der Eröffnung des Festivals zu teilen. Eine längere Version war vor Ort für Festivalbesucher im Taschenformat erhältlich.



Baden (Österreich), den 28. Juli 2019

Das Gefühl der Hoffnung hat es immer gegeben. Die Hoffnung auf eine gute Ernte oder auf Heilung; die Hoffnung, Liebe zu finden oder die Ketten zu sprengen; oder auch die eher zeitgenössische Hoffnung darauf, etwa eine Prüfung zu bestehen oder einen Job zu bekommen. Wir stellen fest, daß die Idee der Hoffnung unmittelbar die Vorstellung von Gut und Böse beinhaltet. Hoffen ist schon urteilen. Es geht darum, sich vom Bösen zu entfernen und dem Guten näher zu kommen. Heute sind wir an sehr andere, viel ehrgeizigere Hoffnungen gewöhnt: die Abschaffung von Krieg, von Hunger, von Armut, von Unterdrückung. Welche Hoffnungen! Solche Hoffnungen hat es nicht immer gegeben, denn sie sind innerhalb eines bestimmten Gedankenrahmens entstanden. Damit sie bloß denkbar wurden, war es zunächst notwendig, von einer zyklischen zu einer linearen Zeitauffassung überzugehen. Das heißt, von einer Zeit, in der es nur darum ging, den nächsten Tag zu sichern, und wo die Hoffnung notwendigerweise auf diesen Horizont beschränkt war, zu einer Zeit, wo es zulässig ist, eben auf mehr zu hoffen, bis zur Abschaffung des Bösen selbst.

Die ältesten Zeitauffassungen sind zyklisch. Zum Beispiel der Mythos der ewigen Wiederkehr. Der Begriff des Zyklus ist Teil der unmittelbaren menschlichen Erfahrung: Zyklus von Tag und Nacht, oder von Jahreszeiten, Erntezyklus, Zyklus von Geburt, Leben und Tod. Der Gedanke an die ewige Wiederkunft setzt jedoch kein Fatalismus voraus, der das Handeln abschreckt. Denn die selbe menschliche Erfahrung lehrt, daß jedes Handeln – jede Aktion – eine Reaktion auslöst. Um zu ernten, müssen wir säen; um zu überleben, müssen wir uns ernähren. Der Zyklus ist daher kein Handlungshindernis; Er ist der Maßstab für das Handeln. Was mit dem Zyklus übereinstimmt, ist recht, was nicht, ist ungerecht. Der Zyklus ist die unmittelbare Quelle der Moral. Diese Moral befiehlt bestimmte Dinge in einer bestimmten Reihenfolge zu tun, um zu gewährleisten, daß nach der Nacht der Tag zurückkommt; nach dem Winter, der Frühling. Wir müssen genau wiederholen, was unsere Vorfahren gemacht haben. Umgekehrt wird jede Naturkatastrophe logisch als Folge einer schlechten Handlung wahrgenommen. Die Stabilität des Zyklus zu gewährleisten, ist die Funktion des Verbots, und Unruhestifter zu bestrafen ist die Funktion des Ritus, der immer ein Reinigungsritus ist. Daher die Figur des Sündenbocks. Innerhalb einer solchen Vorstellung, sind die Arten von Hoffnung, die wir zuerst überprüft haben, leicht verständlich. Aber nur wenn man den Rahmen des Ritus verlässt, wenn man den Mythos der ewigen Wiederkehr verlässt, kann man sich Hoffnung nicht nur als Gefühl, sondern als Weltorientierung vorstellen. Dies erfordert eine Entmystifizierung.

Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius
Indem sie die Mythen ablehnt stellt die griechische Philosophie zum ersten Mal die Moral als Problem dar. Es geht darum, eine neue Antwort auf die Frage „Was soll ich tun?“ zu finden, ohne jegliche Unterstützung von Mythen, Traditionen und dem, was man schon immer getan hat. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse bedarf dann eines neuen Antriebs, eines objektiven Beurteilungskriteriums, ohne welches sich Gut und Böse in der Subjektivität aller auflösen würden. Die Griechen hatten ein solches Kriterium: den Kosmos. Seit Pythagoras bezeichnen die Griechen „alles, was ist“ – die Welt – unter dem Begriff Kosmos, was etymologisch „gute Ordnung“ oder „harmonische Anordnung“ bedeutet. Um diesen Begriff ins Lateinische zu übersetzen, haben die Römer das Wort mundus, das sich ursprünglich auf den Schmuck der Frau (die „schöne Erscheinung“) bezog, derselben Ableitung unterworfen, vom Sinn der „guten Ordnung“ zu dem von „Welt“. In dieser Perspektive ist die Welt eine Gegebenheit, die von Anfang an als Gut wahrgenommen wird. Und aus der Kluft zwischen diesem geordneten Kosmos, der durch die Regelmäßigkeit der Sterne gekennzeichnet wird, und der Unordnung des Lebens auf der Erde entsteht das Bedürfnis nach Ethik. In diesem Sinn unterschied Aristoteles die sublunare Welt (unter dem Mond) von der supralunaren Welt (über dem Mond). Die erste, die von Menschen, muß sich sein Verhaltenskriterium von der letzteren ausleihen. Daher leitet der Mensch seine Moral aus der physischen Welt ab. Diese kosmische Auffassung entgeht dem Mythos. Der Mensch ist nicht mehr der allmächtige Autor von Ordnung und Chaos, Gut und Böse. Das Gute läuft ihm voraus. Diese Auffassung ist aber immer noch zyklisch, denn sie beruht weiterhin auf der Hoffnung, das Gleichgewicht wiederherzustellen, wenn es zerbrochen ist.

Alfred Goubran @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Alfred Goubran
Im Christentum ist die Welt kein Kosmos, aber sie bleibt immer noch die gute Schöpfung eines guten Gottes. Aus diesem Grund erkennt das Christentum auch die Welt als Kriterium des Guten an. Dagegen ist die Zeit der Christen nicht länger zyklisch, sondern linear. Für die Christen so wie für die Juden läuft die Zeit darauf hinaus, daß sie eines Tages mit der Herrschaft Gottes ihr Ende findet. Ihre Hoffnung besteht nicht mehr in der Wiederherstellung eines Gleichgewichts, sondern im Jenseits, im Heil. Somit ergibt sich auch in dunklen Zeiten eine umfassende Möglichkeit, das Gute zu erhoffen.

Als Galileo im 17. Jahrhundert jedoch erklärt, daß „das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben“ ist, wird der Unterschied zwischen den sublunaren und supralunaren Welten hinfällig. Die Sterne sind doch nicht so perfekt und hier auf Erden sind die Dinge doch nicht ganz so chaotisch. Scheinbarer Chaos oder scheinbare Perfektion können allseitig von der Mathematik erklärt werden. Nun macht es keinen Sinn mehr, zu behaupten, im Himmel oder in der Natur irgendeine Regel der Ethik zu finden. Der gute Kosmos wird zum neutralen Universum, das wir kennen. Aber was wird aus der Moral? Weil das Gute nicht mehr gegeben ist, kann es nur noch hergestellt werden. „Was moralisch werden wird, besteht nicht mehr darin, seinen Platz in der Gegebenheit zu finden, sondern sich mit der unendlichen Aufgabe zu beschäftigen, die Gegebenheit – die Natur, die Gesellschaft – umzuwandeln, um in die Welt das Gute zu bringen, das ihr a priori fehlt.“ (Olivier Rey) „Für die Moderne, bedeutet der Kampf gegen die Natur das Böse zu bekämpfen, und das Gute zu verbreiten.“ (Rémi Brague) Hier erkennen wir den Keim einer uns bekannten Idee: die Idee des Fortschritts. Nicht der allgemeine Begriff der Verbesserung, sondern der ganz neue Begriff einer unbegrenzten, unumkehrbaren und notwendigen Bewegung in Richtung des Guten.

Lunz am See, More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Lunz am See

Mit der Idee des Fortschritts ist das Gute kein Anfang mehr, sondern ein Ziel; Kein Verhaltenskriterium, sondern ein Programm: „Die Erleichterung und Verbesserung des Zustandes der Menschen“, nach der berühmten Formel von Francis Bacon. Und so Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Dann ändert sich die Richtung der Hoffnung. Diese Hoffnung bleibt zwar linear, zielt aber jetzt nicht mehr auf das Jenseits, sondern auf das Diesseits; nicht mehr auf das Heil, sondern auf die Zukunft. Genau genommen, ist sie keine richtige Hoffnung, sondern eine Art Optimismus, der vom Handeln abhängig ist. Weil ihr unterstellt wird, eine passive Haltung vorauszusetzen, verliert die Hoffnung ihre Tugendhaftigkeit zugunsten des Handelns. Es ist besser zu handeln als einfach zu hoffen. Entgegen der Hoffnung basiert der Optimismus auf Begriffe wie Berechnung und Vorhersagbarkeit. Doch ist Progressivismus mehr als bloßer Optimismus. Er ist ein grundsätzlicher Optimismus, eine Gewissheit: Alles wird notwendigerweise gut laufen.

Die Erfahrung des Totalitarismus und der Weltkriege im zwanzigsten Jahrhundert machte diesen Fortschrittsglauben unhaltbar. Die Vorstellung, daß technischer Fortschritt mechanisch zu moralischem Fortschritt führen muß, ist seither ständig widerlegt worden. Wir wissen heute, daß der Fortschritt ebenso versklaven wie emanzipieren kann. Und wir verdanken Theodor Adorno die treffendste Formulierung dieser Zweideutigkeit des Fortschritts, der „von der Steinschleuder zur Megabombe“ führt.

Christoph H. Müller @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Christoph H. Müller
Doch scheint die Idee des Fortschritts immer noch zu faszinieren. Internet für alle! Transhumanismus! Wir haben das Versagen des Fortschritts nicht als solches erlebt, sondern als Verrat. Er hielt seine Versprechen nicht ein, aber wir hängen immer noch an ihnen, ohne zu verstehen, daß solche Katastrophen in seinen wesensmäßig nihilistischen Grundsätzen verwurzelt waren. In der Tat ist Progressivismus an sich ein prinzipieller Nihilismus. „Er dekretiert, daß diese Welt wertlos ist, da jede andere Welt besser sein wird. (...) Es ist anzunehmen, daß wir nichts zu verlieren haben, daß wir in Wirklichkeit gar nichts haben. Es geht darum, das ganze Sein ins Nichts zu senken, indem man nur dem, was noch nicht ist, Glauben schenkt.“ Morgen wird derselbe Optimismus „alles vernichten, was potenzielle Fortschritte in der Zwischenzeit verwirklicht werden haben“ (François-Xavier Bellamy).

Auch unser Umweltbewusstsein ist von der Logik des progressivistischen Nihilismus betroffen. Wirklich? Die Natur zu schützen, um ihre Ressourcen zu schützen, ist das nicht im Gegenteil ein konservatives Thema? Nicht wirklich. Die Natur als eine zu schützende Ressource zu betrachten, bedeutet immer noch, sie als Ressource zu betrachten, das heißt genau aus der Perspektive, die zu ihrer Nutzung führte. Wir sind immer noch Progressivisten. Deshalb wollen wir die Natur nicht wirklich schützen, sondern „den Planeten retten“. So das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung. Die Entwicklung muß fortgesetzt werden, jedoch zu geringeren Kosten, der Profitlogik entsprechend. Dafür setzen wir auf immer mehr neue Mittel, immer mehr neue Technologien. Als ob der beste Weg, das menschliche Handeln zu bremsen, mehr menschliches Handeln wäre.

Jacques Gassmann & MOL Brainstorming Orchester @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Jacques Gassmann & MOL Brainstorming Orchester
„Was wir noch mehr brauchen als Hoffnung ist Action, sagt Greta Thunberg, die junge schwedische Klimaaktivistin. Wenn wir erstmal anfangen etwas zu tun, dann gibt es auch Hoffnung“, sagt sie. Aber die Hoffnung dem Handeln unterzuordnen, bedeutet nicht, etwas Gutes anzustreben, sondern das Handeln selbst als das Gute zu definieren. Wenn die Handlung an sich das Kriterium des Guten ist, kann keine Handlung als böse bezeichnet werden. Die Hoffnung dem Handeln unterzuordnen, bedeutet auch, dem progressivistischen Nihilismus zuzustimmen: Es ist notwendig, vor dem Schlammhaufen zu fliehen, den die gegenwärtige Welt darstellt. Man erwartet von der Handlung, daß sie die Hoffnung hervorruft, gerade deshalb, weil es die Hoffnungslosigkeit ist, die die Handlung auslöst: die Aussicht auf die Apokalypse, der Hass auf die Welt, wie sie ist. Wahre Hoffnung ist dem Handeln nicht untergeordnet. Sie ist es, die das Handeln unterordnet. Handlungen, die durch Hoffnung hervorgerufen werden, werden immer durch das Bewusstsein gemildert, daß schlechtes Handeln immer möglich ist: das, was die Hoffnung verletzt, die es bereits gibt. Alles ist nicht erlaubt.

Wahre Hoffnung ist Teil eines Denken des Sinnes. Letztendlich geht es eher darum, dem Problem des Bösen einen Sinn zu geben, als eine Lösung. Denn das Böse kann nicht beseitigt werden. Es ist der Tragödie des Lebens innewohnend, und daher unabänderlich. Dies gilt sowohl in der Natur als auch in den menschlichen Angelegenheiten. Die Dynamik des Lebens, die die Evolution ermöglicht, ermöglicht auch Krebs. Und Technik, die wir lieben, so wie zum Beispiel das Internet, war ursprünglich oft für militärische Zwecke gedacht. Die moralischen Auswirkungen unserer guten oder schlechten Handlungen lassen sich nicht wissenschaftlich vorhersehen. Sie offenbaren sich. Die Hoffnung bedeutet nicht zu glauben, daß sich die Dinge gut entwickeln werden, weil wir sozialen Ursachen beseitigen, Technologie entwickeln oder irgendeinen Feind der Menschheit vernichten. Hoffnung sind Sie selber. Sie sind es, Die Sie dafür sorgen, daß das Leben, auch unter den widrigsten Umständen, immer lebenswert sein wird.

Carl Michael von Hausswolff, Christine-Martha Roedelius, Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2019 / photo S. Mazars
Carl Michael von Hausswolff, Christine-Martha Roedelius, Hans-Joachim Roedelius



dimanche 12 août 2018

Ist es gut, gut zu sein? Betrachtungen zum Thema „Hingabe“


Dieses Jahr hatte Hans-Joachim Roedelius beschlossen, die 15. Ausgabe seines Festivals More Ohr Less dem Konzept der Hingabe zu widmen. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Achim mir ermöglischt hat, bei der Eröffnung des Festivals zu teilen. Eine längere Version war vor Ort für Festivalbesucher im Taschenformat  erhältlich.



Baden (Österreich), den 28. Juli 2018

Sylvain Mazars - Ist es gut, gut zu sein? / photo S. Mazars
Was ist Hingabe? Eine Geisteshaltung. Eine Anstrengung aus sich heraus. Wir können uns einer Aufgabe widmen, einem höheren Zweck, oder auch anderen. Wer sich hingibt, ist uns sympathisch, denn er zögert nicht, sein eigenes Interesse zu opfern. Hingabe bedeutet auch Altruismus und Engagement. Das ist schon einiges.
Das ist aber nicht alles. Schätzen wir Hingabe, was immer sie ist? Jeder Tag bringt Aufrufe zum Engagement: „Finden Sie einen Zweck und widmen Sie ihm all ihre Bemühungen“, als ob es eine Übung der individuellen moralischen Hygiene wäre, ohne Rücksicht auf die Gegenstand des Engagement. Man kann sich traurigen Leidenschaften, schuldigen Interessen widmen. Der Inhalt der Hingabe zählt.
Wir schätzen diese Geisteshaltung dennoch spontan als solche. Wir verbinden sie mit Altruismus, wir stellen sie dem Egoismus entgegen. Und wir lehren sie unsere Kindern: „Denke nicht nur an dich selbst!“

Aber wissen wir warum? Warum ist Hingabe gut? Warum ist Altruismus besser als Egoismus? Warum ist es gut, gut zu sein? Für uns ist das offensichtlich. „Wie kannst du so eine blöde Frage stellen?“ Aber Selbstverständlichkeit liegt immer auf einem Grund: intellektuelle Prämissen, anthropologische Postulate, sogar Vorurteile. Sind wir uns so sicher, daß unsere gegenwärtigen Vorurteile die Hingabe verstärken? Oder meinen wir, daß wir frei von Vorurteilen sind?

Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bedauerte H.G. Wells in seinem Buch, Der Luftkrieg (1908), die Entstehung einer neuen Art von Individuum, das sich der Hingabe entzieht, ohne Loyalität, Ehre und Mut. „[Bert Smallways] glaubte, die ganze Pflicht des Menschen bestünde darin, gerissener zu sein als seine Mitmenschen, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich's wohl sein zu lassen. (...) Er war ein bloßes ewig forderndes, ewig kämpfendes Individuum, ohne Sinn für den Staat, ohne eingewurzelte Loyalität, ohne Aufopferung, ohne Ehrenkodex, ja sogar ohne Tapferkeitskodex.“

Hans-Joachim Roedelius / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius
Machiavelli ist vielleicht der Vorläufer dieser Geisteshaltung. Enttäuscht von der Unordnung Italiens in seiner Zeit, schrieb Machiavelli allen Schaden dem schädlichen Einfluss der christlichen Religion auf das politische Leben zu. Den Maximen der Moral stellte er dann seine berühmten Machiavellschen Maximen entgegen, die uns heute so schockieren. Er wollte alle Hindernisse für die Tat beseitigen; er wollte die Trägheit des Guten bekämpfen, denn „nichts behindert Tat mehr als die Idee der guten Tat“. Durch diese Verschiebung vom Imperativ zum Indikativ, oder besser, durch diese Aufwertung des Indikativs als des neuen Imperativs: „Mach, was du sowieso nicht anders machen kannst“, kann Machiavelli als der erste moderne Denker angesehen werden, sogar als der erste revolutionäre Denker. Lange vor Marx machte er die Notwendigkeit zum Grund des moralischen Guten.

Doch dieser anthropologische Pessimismus – der Mensch ist von Natur aus böse – ist die große Prämisse des Liberalismus. Anstatt zu versuchen, den Menschen zu verbessern – das ist der Ziel der Religion – versuchen die Liberalen, den Menschen so zu nehmen, wie er ist, und die Gesellschaft entsprechend zu überdenken.

Für die Liberalen geht es darum, das Recht in der Tatsache zu absorbieren; das Sollen im Sein. Es geht darum, die Laster des Menschen auszunutzen, um eine tugendhafte Gesellschaft aufzubauen. Es ist das Thema der unsichtbaren Hand, die private Laster in öffentliche Vorteile verwandelt. Hier erkennen wir das Credo des Kapitalismus: Wir dürfen den Egoismus nicht bekämpfen, wir müssen ihn fördern, denn wenn jeder seinen Interessen freien Lauf lassen darf, wenn jeder frei ist, sich ungehindert zu bereichern, dann wird dieser Reichtum unweigerlich auf alle Menschen zurückwirken.

Bergen um Lunz am See / photo S. Mazars
Bergen um Lunz am See

Offensichtlich erreicht die liberale Gesellschaft ihr Optimum nur, wenn jeder mitmacht, wenn jeder egoistisch ist. Es ist daher notwendig, diejenigen zu überzeugen, die sich immer noch von der Moral und dem Anstand zurückgehalten fühlen, auf Moral und Anstand zu verzichten. Das Argument besteht dann darin, den Altruismus einer Form von Egoismus anzupassen. Wenn sogar Altruismus ein besonderer Fall von Egoismus ist, welches Recht haben wir, den Schurken Moral zu predigen?

Wir erkennen hier die Philosophie des Verdachts, die von Machiavelli initiiert wurde. Hinter dem Guten, verdächtigen wir immer das Böse. Hinter einer scheinbaren Fürsorge, ein unwiderstehliches Interesse. Das Gute ist nur eine Täuschung, das Böse ist die ganze Realität. Später trugen Montesquieu, Nietzsche und Freud zu dieser Philosophie des Verdachts bei. Nehmen wir einfach zur Kenntnis ihre völlige Übereinstimmung mit dem anthropologischen Pessimismus des Liberalismus. Wenn der Mensch von Natur aus böse ist, dann muß jede gute Tat notwendigerweise eine schlechte Absicht verbergen.

Rosa Roedelius, Nadja Schmidt, Claudia Schumann, Symposium "Hingabe", More Ohr Less 2018 / photo S. Mazars
Rosa Roedelius, Nadja Schmidt, Claudia Schumann
Symposium "Hingabe"
Die Wissenschaft wurde reichlich mobilisiert, um diese These zu akkreditieren. Charles Darwin ist Teil von diesem Denken, indem er den Überlebenskampf verkündet. Mit ihm erklärt die ursprüngliche Selbstsucht nicht nur die Entstehung der Gesellschaften, sondern die Entstehung des ganzen Lebens. Der Mensch ist nicht länger das heilige Geschöpf, das die Religion durch ein göttliches Gesetz zu verändern versucht (der Imperativ). Er ist ein entwickelter Affe, und daher kann sein Gesetz nur das von den anderen Tieren sein; das Gesetz der Natur, hier gemeint als die physikalische Natur; und das bedeutet: das Gesetz des Dschungels: Es besteht darin, „zu tun, was man sowieso nicht anders machen kann“ (der Indikativ).
Alfred Wallace, der wirkliche Erfinder dessen, was wir heute als Darwinismus bezeichnen, versuchte zunächst, die Beständigkeit des Altruismus in menschlichen Gesellschaften zu erklären, eine echte Anomalie in einer Theorie, die das Überleben als Zweck des Lebens verkündet. Wenn Individuen nach Wallace, altruistisch sein können, ist es zugunsten einer Gruppe, die egoistisch bleibt; Gruppen, die Altruismus, gegenseitige Hilfe, Teamarbeit praktizieren, werden schließlich alle andere Gruppen ausstechen. Euphemismus für vernichten. Und bald wird die Idee des Überlebenskampfes, von Individuenkampf, plötzlich als Rassenkampf verstanden. Eine fruchtbare Idee, die nur ein paar Jahrzehnte später völkermörderisch wurde.
Überraschenderweise, egal wie gut die blutige Folgen dieser Theorien uns bekannt sind, tauchen sie regelmäßig auf. Einer unserer Zeitgenossen, Richard Dawkins, reduziert Altruismus auf Genegoismus, anstatt auf Gruppenegoismus. Nach seiner Theorie des „egoistischen Gens“ wären wir nur Maschinen, sterbliche Träger unsterblicher Gene. Wenn wir glauben, altruistisch zu handeln, sind wir in der Tat unwissentlich von unseren Genen gesteuert, die so egoistisch ihre eigene Reproduktion gewährleisten. Aber was unterscheidet diese rein spekulative Theorie, ohne jede wissenschaftliche Grundlage, vom Glauben der alten Griechen, die sich selbst sahen, als elende Sterbliche, nur vergängliche Spielzeuge der Leidenschaften der Götter?
Die psychoanalytische Theorie basiert auf dem selben Prinzip. Alles, was der Mensch für seine innerste Freiheit haltet, kann in letzter Konsequenz auf einen schlecht aufgelösten infantilen Komplex reduziert werden.

Rosa Roedelius Bühnenbild / photo S. Mazars
Rosa Roedelius Bühnenbild
In jedem Fall ist Altruismus nur eine Illusion. Hingabe, eine Art Heuchelei. Dies ist das Porträt, das wir jetzt von einer hingebungsvollen Person nun zeichnen können. Zur Wahl: ein Fanatiker, ein Heuchler, ein Affe, eine Maschine, ein Verdrängtes. Ein Porträt, das weit verbreiteten Ideen alles verdankt. 1930 verwarf ein österreichischer Autor, Robert Musil, alle diese Ideen, in seinem Roman, Der Mann ohne Eigenschaften. Musil verurteilte die „eigenartige Vorliebe (...), die das wissenschaftliche Denken für mechanische, statistische, materielle Erklärungen hat, denen gleichsam das Herz ausgestochen ist. Die Güte nur für eine besondere Form des Egoismus anzusehen; Gemütsbewegungen in Zusammenhang mit inneren Ausscheidungen zu bringen; festzustellen, daß der Mensch zu acht oder neun Zehnteln aus Wasser besteht; die berühmte sittliche Freiheit des Charakters als ein automatisch entstandenes Gedankenanhängsel des Freihandels zu erklären; Schönheit auf gute Verdauung und ordentliche Fettgewebe zurückzuführen; Zeugung und Selbstmord auf Jahreskurven zu bringen, die das, was freieste Entscheidung zu sein scheint, als zwangsmäßig zeigen.“

Arnulf Rainer Museum, Baden / photo S. Mazars
Arnulf Rainer Museum, Baden

Nun ist es klar, daß die Antwort auf die Frage, die ich eingangs gestellt habe, „Warum ist Hingabe gut?“, nicht mehr selbstverständlich ist. Ich sagte, daß wir den Altruisten spontaner beurteilen als den Egoisten. Und dennoch, genauso spontan, glauben wir nicht wirklich an Altruismus, da wir postulieren, daß er nur eine Illusion ist, wenn nicht ein Übel.

Wir sind gewohnt, nach den Vorurteilen des Marktes zu denken. Daher haben wir vergessen, daß Gabe und Rückgabe für den größten Teil der Geschichte der Menschheit die wichtigste Art des Austausches gewesen sind. Allerdings, wenn Sie sich heute auf Gabe und Rückgabe berufen, werden Sie höchstwahrscheinlich des naiven Glaubens an „eine kostenlose Gabe“ bezichtigt. Ihnen wird gesagt, daß nichts kostenlos ist. Ihnen wird zum Beispiel erklärt, daß die Gabe nur eine soziale Strategie ist, um Prestige zu gewinnen oder Freunde zu finden: Altruismus ist falsch. Und dann ist eine kostenlose Gabe unmoralisch. Es ist Dumping, es ist unfairer Wettbewerb: Altruismus ist schlecht.

Spontane Hingabe ist uns verdächtig, seien wir ehrlich. Wir vertrauen eher jemandem, der uns Hilfe anbietet, wenn wir zuerst erkennen können, was er im Gegenzug erhält. Ist jedes Verhalten unserer Mitmenschen nur durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung motiviert?

Mittersee / photo S. Mazars
Mittersee
Jeder weiß, tief im Inneren, daß es eine edle Tat ist, sein Leben für andere zu geben. Sich für Freiheit oder Gleichheit oder Menschenrechte zu opfern: Es ist eine edle Tat. Aber wenn das höchste Kriterium des Guten auf mein Überleben und mein unmittelbares Wohlergehen hinausläuft, dann ist es eine wahnsinnige Tat. Und doch, gibt es gar keine Freiheit, keine Gleichheit, keine Menschenrechte ohne solche Taten. Ohne sie, wird der erste Tyrann, der entschlossen ist, ihre Freiheit wegzunehmen, ohne Kampf Erfolg erreichen, weil er auf ihre Passivität zählen kann. Wenn ich überleben kann, und wenn ich meine kleinen Angelegenheiten ruhig weiterführen darf, ist es mir egal unter welcher Regierung.
Leichte Beute, derjenige der nur danach strebt zu überleben, nach Vergnügungen zu streben, Leiden zu vermeiden, sogar auf Kosten der Schande.
Der Mensch ohne Loyalität, ohne Hingabe, ohne Ehre, ohne Mut, dessen einziges Ziel es ist, „sich's wohl sein zu lassen“ und „sein Schäfchen ins Trockene zu bringen“: wir erkennen hier den von H.G. Wells denunzierten Menschen. Wir erkennen auch uns selbst.

Christine-Martha Roedelius / photo S. Mazars
Christine-Martha Roedelius
Symposium "Hingabe"
In der Tat hängen wir immer noch an der Idee des Guten, an Moral, an Recht, an Freiheit, aber wie können alle diese Begriffe uns wirklich wichtig sein, wenn wir gleichzeitig die folgenden Vorurteile bekennen:
— Der Mensch ist schädlich. Er ist das schlimmste Tier. Er macht Krieg, er zerstört die Umwelt. Aber wenn wir den Menschen für unwürdig halten, warum sollten wir ihm Rechte gewähren?
— Der Mensch ist nichts Besonderes. Er ist nur ein entwickelter Affe, der 99% seiner DNA mit dem Schimpansen teilt. Aber wenn der Mensch nichts anderes als ein Tier ist, warum sollten wir ihn nicht wie ein Tier behandeln? Wir sollten nicht denken, daß es sich um vage und ferne Gefahren handelt. Diese Ideen haben bereits ihre Wirkung entfaltet. Alle prominenten Persönlichkeiten der Biologie des späten neunzehnten Jahrhunderts wurden logisch von ihren Theorien geleitet, den eugenischen und rassenhygienischen Maßnahmen zuzustimmen, die zu ihrer Zeit trendig waren. Und unsere eigenen Überzeugungen sind nicht so weit von ihren entfernt.
— Der Mensch ist nicht wirklich frei. So wie wir Altruismus schätzen, ohne an ihn wirklich zu glauben, lieben wir die Freiheit, ohne an sie wirklich zu glauben. Der freie Wille ist nur eine Illusion. All unsere Entscheidungen sind nur das Ergebnis einer Kombination von genetischen und Umweltfaktoren. Nur unsere Ignoranz bringt uns dazu, diese Entscheidungen frei zu glauben. Gene, Hormone, das Unbewusste, unsere soziale Gruppe, sind so viele deterministische Faktoren, mit denen Biologie, Medizin, Psychoanalyse und Soziologie unsere illusorische Freiheit triumphierend erklären. Doch wenn der Mensch nicht frei ist, warum versuchen wir immer noch, das Gute und das Böse zu unterscheiden? Das Böse ist unvorstellbar, wenn wir nur „tun, was wir sowieso nicht anders tun können“.
— Der Mensch ist reine Materie, reiner Zellverband. Er hat keine Seele. Sogar sein Denken ist nur eine komplexe Kombination physikalisch-chemischer Prozesse.
Aber wenn der Mensch eine Sache ist, dann sind Menschenrechte bedeutungslos.
Wenn der Mensch eine Sache ist, erwarten wir, daß er als solcher behandelt wird. Schon wieder.

More Ohr Less merchandising / photo S. Mazars
More Ohr Less merchandising


samedi 17 juin 2017

Carpe diem oder die Gegenwart als Geschenk


Geschenk des Augenblicks – Gift of the Moment. Das ist der Titel, den Hans-Joachim Roedelius für eine seiner Platten der 80er Jahren gewählt hat. Als er mir sagte, dass er das als Thema seines nächsten Festivals More Ohr Less wählen möchte, haben wir uns gefragt, wie dieser Ausdruck ins Französische übersetzt werden könnte. Es kam uns nichts besseres in den Sinn als „cadeau du moment“. „Cadeau du moment présent“ oder, amüsanter, „présent du présent“ („Geschenk der Gegenwart“), alle diese Ausdrücke passen, aber nur in dann, wenn man versteht, dass man keineswegs auf der Suche eines „Geschenk des (heutigen) Tages“ ist, so wie man zum Beispiel ein „Menü des Tages“ finden kann. Nein, es handelt sich eher um diese Gegenwart selbst als Geschenk. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Hans-Joachim Roedelius mir ermöglischt hat, mit den Teilnehmern des Festivals zu teilen.

 

Baden (Österreich) den 11. Juni 2017
Übersetzung : Alexandra Pignol

Hans-Joachim Roedelius – Geschenk des Augenblicks (1984) / source : www.discogs.com
Hans-Joachim Roedelius – Geschenk des Augenblicks (1984)
Der Ausdruck „Geschenk des Augenblick“ hat eine enge Beziehung mit einem anderen, lateinischen Ausdruck, den wir alle kennen, vom Dichter Horaz, und zwar Carpe diem. Carpe diem, quam minimum credula postero. „Pflücke den Tag, und glaube nicht an den Tag danach“. Heutzutage verstehen wir und übersetzen wir auch den Ausdruck ein bisschen anders : „Geniesse den Tag, ohne dich um Morgen zu kümmern“. Er wäre ein Manifest des Hedonismus, aber auch des Individualismus: kein Stress, keine Sorge, kein Leid, deshalb auch keine zu komplizierte Beziehungen. Was empfehlt eigentlich dieses Manifest? Das Leben ist kurzfristig. Nehmen Sie jede Chance wahr und erzielen Sie das Beste daraus. Verwirklichen Sie Ihre eigenen Wünsche, und nicht die Wünche der Anderen. Lassen Sie sich niemals von den eigenen Träumen ablenken, weder von den Anstands-regeln, noch von Ihrem Vater, oder von dem was die Leute denken werden. Ehrlich gesagt, das geht so in die Richtung: „Mach was du willst und sei nicht verantwortlich“.

Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius
Doch wenn wir gut aufpassen, merken wir sofort dass die Gurus der Komsumgesellschaft, die multinationalen Unternehmen gar nichts anders sagen: „Selbst sein“ (Yves Rocher), „Do it“ verordnet Nike, „Dein Parfum, deine Spielregeln“ sagt Hugo Boss. Die Vielfalt, die sie bieten ist ein guter Weg, Komfort und Bequemlichkeit zu erreichen. Klar. Dann wird aber das Wort „geniessen“ langsam als Synonym für „konsumieren“ verstanden. Ist das wirklich was Horaz im Sinne hatte?

Harald Blüchel & Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Harald Blüchel & Roedelius
Mehr als eine Einladung zum Geniessen, ist Carpe diem eine Einladung zur Weisheit, das zu schätzen, was man hier genau im jetzigen Augenblick, vor den Augen hat. „Der Weise ist derjenige der in der Gegenwart zu wohnen vermag“ und der sich nicht vorstellt, dass „alles besser sein wird, wenn er dies oder jenes verändert hat, Schuhe, Haarschnitt, Freunde, Mann, Frau, Haus“ (Luc Ferry). In diesem Sinn kann nicht das Carpe diem mehr entfremdet sein von unserer heutigen Konsumgesellschaft. Horaz schreibt nicht in einer individualistischen Perspektive, die damals nicht existierte. Man muss sich dann nicht wundern, dass der individualistische Standpunkt nicht in der Lage ist, die Phrase von Horaz anders als eine solcher zeitgenössischen Maximen für Coaching oder zur persönlichen Entwicklung zu verwerten. Der Konsum, der allem zugrunde liegt, ist natürlich verpflichtet, uns zu überzeugen, dass alles schlecht geht, und dass es morgen wieder besser gehen wird. Vorausgesetzt natürlich, dass man ihre Produkte kauft, dass man ihre Dienste nutzt. Das Ziel ist hier ganz nobel: es ist das Glück. Aber es liegt hier auf dem Postulat zugrunde, dass das Glück zuerst etwas ist, dass man produziert. Aber Horaz lädt uns nicht ein, zu produzieren, sondern zu pflücken. Es handelt sich darum, etwas zu schätzen, dass schon vorhanden ist.

More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Vollmond über Baden, More Ohr Less 2017

Man hat die Modernität erwarten müssen, damit diese individualistische Perspektive sich durchgesetzt hat, und mit ihr alle Versuche der Realisierung des Paradieses auf Erden. Der Individualismus begnügt sich nicht mit einfachen Freuden. Warum sollte ich mich damit begnügen, wenn mein Nachbar mehr besitzt als ich selbst?

MOL Brainstorming Orchestra @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
MOL Brainstorming Orchestra
Die individualistische Perspektive vergisst aber dass der Mensch, als lebendes Wesen, derjenige ist, der Verbindungen herstellt. Wir sind keine Individuen, wir sind Personen. Das Individuum ist allein, die Person ist mit anderen Personen verbunden. Die Modernität hat effektiv versucht, und das mit einem gewissen Erfolg, aus uns ein einfaches Rädchen von dem Mächanismus der Produktion zu machen. Das ist das Individuum: Ein kleines Rad mit einer einzigen Funktion, und somit ersetzbar. Als Personen haben wir keine Funktionen, sondern Rollen zu spielen, weil wir mit bestimmten Personen verbunden sind eher als mit anderen. Und daher sind wir unersetzbar. Das offensichtliche Beispiel: Eltern zu ihren eigenen Kinder. Die Person hat mehr Grösse als das Individuum.Sie ist es, und dazu das unsichtbare Netz der Verhältnisse, die sich um sie weben. Das Individuum ist nur eine sterbliche Hülle.

Ecki Stieg, Carl Michael von Hausswolff @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Ecki Stieg, Carl Michael von Hausswolff
Jedoch, je ob wir uns Individuen oder Personen fühlen, werden wir nicht „den gegenwärtigen Augenblick geniessen“ auf der gleichen Weise. Wenn meine Existenz meinem biologischen Leben unterworfen ist, dann kann ich von nichts profitieren, wenn ich zB ein Handicap trage, oder zu schwach bin, oder ganz einfach zu alt bin. So interpretiert ist der Hedonismus den machtlosen verboten. Der Genuss ist den Impotenten verweigert. Dies erklärt vielleicht unsere Obsession der Leistung, unsere Trachten nach unendlicher Jugend. Denn das biologische Leben ist alles was uns bleibt, wenn wir keine Verbindungen haben wollen. Im Gegensatz dazu wendet sich das Carpe diem an Personen. Weil der Mensch Verbindungen schafft, ist er auch in der Lage, Liebe zu empfinden. Die Liebe ist ein Impuls, dass uns zu den anderen führt, wo der Andere unvollkommen sein kann, wo er nicht unbedingt meinem Ideal gleichkommt. Liebe ist in diesem Sinn ein Spezialfall des amor fati, der Liebe unseres Schicksals zu der Horaz uns aufruft. Doch diese Fähigkeit hängt nicht von unserem Physischen Zustand ab. Sie ermöglicht mir, mich an der Welt zu erfreuen, so wie sie ist. Das heisst auch, so wie ich eben bin. Und das, was ich auch sei: sei ich alt, sei ich impotent.

More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
More Ohr Less 2017

All dies ergibt nur dann einen Sinn wenn wir akzeptieren, dass es effektiv einen Anteil an Gutem in dieser Welt gibt, trotz der Ungerechtigkeiten, die uns revoltieren, und der Dramen, die uns quälen. Aber woher kommt das Gute? Für ein Glaübiger ist die Antwort ganz einfach. Es ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes. Aber was wenn wir keine Glaübiger sind? Dann ist die Antwort nicht so einfach. Dann müssen wir Menschen entscheiden, dass es so etwas wie „Das Gute“ gibt. Es wäre doch eine willkürliche Entscheidung, ohne richtiger Grund. Wir sind frei, wir könnten anders denken. Nichts garantiert dass der Mensch, wenn er autonom gelassen wird, in der Immanenz, unbedingt das Gute wählen würde.

Symposium Geschenk des Augenblicks @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Symposium Geschenk des Augenblicks
„Wir brauchen absolut keine Transzendenz um Spiel-Regeln zu erfinden, die uns ermöglichen uns nicht gegenseitig umzubringen, uns nicht gegenseitig zu berauben, uns nicht gegenseitig schamlos Hörner aufzusetzen (...). Dennoch brauchen wir sie, vielleicht sogar dringend, um nicht so sehr die Regeln der Co-Existenz zu erklären, sondern die Gründe der Existenz. Betrachten wir dass das Leben genügend gut ist, so dass man das recht hätte, andere in das Leben aufzurufen, denen man nicht nach ihrer Meinung befragen kann? Manche Autoren, obwohl sie sich als Hedonisten bezeichnen sagen ganz eindeutig dass man keine Kinder haben sollte, weil das Leben nicht so rosig aussieht“ (Rémi Brague).

DJ Michael Rosen @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
DJ Michael Rosen
Diese Menschen könnten nicht weiter entfernt von dem Carpe diem sein. Für sie ist die Gegenwart kein Geschenk, sie ist ein Fluch, sie ist ein Gift. Nur die Zukunft gilt. Umgekehrt betrachtet, wenn man die Gegenwart als Geschenk begreift, führt es keineswegs zur Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft. Im Gegenteil: es ist nur wenn die Gegenwart als Geschenk betrachtet wird, dass man erwägen kann, neue Leben in die Welt zu bringen. Denn es ist absolut wahr, dass es kein grösseres Zeugnis des Vertrauens in der Zukunft gibt, als Kindern Geburt zu geben.

Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017