Dieses Jahr hatte Hans-Joachim Roedelius beschlossen, die 16. Ausgabe seines Festivals More Ohr Less dem Konzept der Hoffnung zu widmen. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Achim mir ermöglischt hat, bei der Eröffnung des Festivals zu teilen. Eine längere Version war vor Ort für Festivalbesucher im Taschenformat erhältlich.
Baden
(Österreich), den 28. Juli 2019
Das Gefühl der Hoffnung
hat es immer gegeben. Die Hoffnung auf eine gute Ernte oder auf Heilung; die Hoffnung,
Liebe zu finden oder die Ketten zu sprengen; oder auch die eher zeitgenössische
Hoffnung darauf, etwa eine Prüfung zu bestehen oder einen Job zu bekommen. Wir
stellen fest, daß die Idee der Hoffnung unmittelbar die Vorstellung von Gut und
Böse beinhaltet. Hoffen ist schon urteilen. Es geht darum, sich vom Bösen zu
entfernen und dem Guten näher zu kommen. Heute sind wir an sehr andere, viel
ehrgeizigere Hoffnungen gewöhnt: die Abschaffung von Krieg, von Hunger, von
Armut, von Unterdrückung. Welche Hoffnungen! Solche Hoffnungen hat es nicht
immer gegeben, denn sie sind innerhalb eines bestimmten Gedankenrahmens
entstanden. Damit sie bloß denkbar wurden, war es zunächst notwendig, von einer
zyklischen zu einer linearen Zeitauffassung überzugehen. Das heißt, von einer
Zeit, in der es nur darum ging, den nächsten Tag zu sichern, und wo die
Hoffnung notwendigerweise auf diesen Horizont beschränkt war, zu einer Zeit, wo
es zulässig ist, eben auf mehr zu hoffen, bis zur Abschaffung des Bösen selbst.
Die ältesten
Zeitauffassungen sind zyklisch. Zum Beispiel der Mythos der ewigen Wiederkehr. Der
Begriff des Zyklus ist Teil der unmittelbaren menschlichen Erfahrung: Zyklus
von Tag und Nacht, oder von Jahreszeiten, Erntezyklus, Zyklus von Geburt, Leben
und Tod. Der Gedanke an die ewige Wiederkunft setzt jedoch kein Fatalismus
voraus, der das Handeln abschreckt. Denn die selbe menschliche Erfahrung lehrt,
daß jedes Handeln – jede Aktion – eine Reaktion auslöst. Um zu ernten, müssen
wir säen; um zu überleben, müssen wir uns ernähren. Der Zyklus ist daher kein
Handlungshindernis; Er ist der Maßstab für das Handeln. Was mit dem Zyklus
übereinstimmt, ist recht, was nicht, ist ungerecht. Der Zyklus ist die unmittelbare
Quelle der Moral. Diese Moral befiehlt bestimmte Dinge in einer bestimmten
Reihenfolge zu tun, um zu gewährleisten, daß nach der Nacht der Tag
zurückkommt; nach dem Winter, der Frühling. Wir müssen genau wiederholen, was unsere
Vorfahren gemacht haben. Umgekehrt wird jede Naturkatastrophe logisch als Folge
einer schlechten Handlung wahrgenommen. Die Stabilität des Zyklus zu
gewährleisten, ist die Funktion des Verbots, und Unruhestifter zu bestrafen ist
die Funktion des Ritus, der immer ein Reinigungsritus ist. Daher die Figur des
Sündenbocks. Innerhalb einer solchen Vorstellung, sind die Arten von Hoffnung,
die wir zuerst überprüft haben, leicht verständlich. Aber nur wenn man den Rahmen
des Ritus verlässt, wenn man den Mythos der ewigen Wiederkehr verlässt, kann
man sich Hoffnung nicht nur als Gefühl, sondern als Weltorientierung
vorstellen. Dies erfordert eine Entmystifizierung.
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| Hans-Joachim Roedelius |
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| Alfred Goubran |
Als Galileo im
17. Jahrhundert jedoch erklärt, daß „das Buch der Natur in der Sprache der
Mathematik geschrieben“ ist, wird der Unterschied zwischen den sublunaren und
supralunaren Welten hinfällig. Die Sterne sind doch nicht so perfekt und hier
auf Erden sind die Dinge doch nicht ganz so chaotisch. Scheinbarer Chaos oder
scheinbare Perfektion können allseitig von der Mathematik erklärt werden. Nun
macht es keinen Sinn mehr, zu behaupten, im Himmel oder in der Natur irgendeine
Regel der Ethik zu finden. Der gute Kosmos wird zum neutralen Universum, das
wir kennen. Aber was wird aus der Moral? Weil das Gute nicht mehr gegeben ist, kann es nur noch hergestellt werden. „Was moralisch
werden wird, besteht nicht mehr darin, seinen Platz in der Gegebenheit zu
finden, sondern sich mit der unendlichen Aufgabe zu beschäftigen, die
Gegebenheit – die Natur, die Gesellschaft – umzuwandeln, um in die Welt das
Gute zu bringen, das ihr a priori fehlt.“
(Olivier Rey) „Für die Moderne, bedeutet der Kampf gegen die Natur das Böse zu
bekämpfen, und das Gute zu verbreiten.“ (Rémi Brague) Hier erkennen wir den Keim
einer uns bekannten Idee: die Idee des Fortschritts. Nicht der allgemeine
Begriff der Verbesserung, sondern der ganz neue Begriff einer unbegrenzten, unumkehrbaren
und notwendigen Bewegung in Richtung des Guten.
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| Lunz am See |
Mit der Idee des Fortschritts ist das Gute kein Anfang mehr, sondern ein Ziel; Kein Verhaltenskriterium, sondern ein Programm: „Die Erleichterung und Verbesserung des Zustandes der Menschen“, nach der berühmten Formel von Francis Bacon. Und so Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Dann ändert sich die Richtung der Hoffnung. Diese Hoffnung bleibt zwar linear, zielt aber jetzt nicht mehr auf das Jenseits, sondern auf das Diesseits; nicht mehr auf das Heil, sondern auf die Zukunft. Genau genommen, ist sie keine richtige Hoffnung, sondern eine Art Optimismus, der vom Handeln abhängig ist. Weil ihr unterstellt wird, eine passive Haltung vorauszusetzen, verliert die Hoffnung ihre Tugendhaftigkeit zugunsten des Handelns. Es ist besser zu handeln als einfach zu hoffen. Entgegen der Hoffnung basiert der Optimismus auf Begriffe wie Berechnung und Vorhersagbarkeit. Doch ist Progressivismus mehr als bloßer Optimismus. Er ist ein grundsätzlicher Optimismus, eine Gewissheit: Alles wird notwendigerweise gut laufen.
Die Erfahrung des
Totalitarismus und der Weltkriege im zwanzigsten Jahrhundert machte diesen
Fortschrittsglauben unhaltbar. Die Vorstellung, daß technischer Fortschritt
mechanisch zu moralischem Fortschritt führen muß, ist seither ständig widerlegt
worden. Wir wissen heute, daß der Fortschritt ebenso versklaven wie emanzipieren
kann. Und wir verdanken Theodor Adorno die treffendste Formulierung dieser Zweideutigkeit
des Fortschritts, der „von der Steinschleuder zur Megabombe“ führt.
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| Christoph H. Müller |
Auch unser Umweltbewusstsein
ist von der Logik des progressivistischen Nihilismus betroffen. Wirklich? Die
Natur zu schützen, um ihre Ressourcen zu schützen, ist das nicht im Gegenteil
ein konservatives Thema? Nicht wirklich. Die Natur als eine zu schützende
Ressource zu betrachten, bedeutet immer noch, sie als Ressource zu betrachten,
das heißt genau aus der Perspektive, die zu ihrer Nutzung führte. Wir sind
immer noch Progressivisten. Deshalb wollen wir die Natur nicht wirklich
schützen, sondern „den Planeten retten“. So das Prinzip der nachhaltigen
Entwicklung. Die Entwicklung muß fortgesetzt werden, jedoch zu geringeren
Kosten, der Profitlogik entsprechend. Dafür setzen wir auf immer mehr neue
Mittel, immer mehr neue Technologien. Als ob der beste Weg, das menschliche
Handeln zu bremsen, mehr menschliches Handeln wäre.
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| Jacques Gassmann & MOL Brainstorming Orchester |
Wahre Hoffnung
ist Teil eines Denken des Sinnes. Letztendlich geht es eher darum, dem Problem
des Bösen einen Sinn zu geben, als eine Lösung. Denn das Böse kann nicht
beseitigt werden. Es ist der Tragödie
des Lebens innewohnend, und daher unabänderlich. Dies gilt sowohl in der
Natur als auch in den menschlichen Angelegenheiten. Die Dynamik des Lebens, die
die Evolution ermöglicht, ermöglicht auch Krebs. Und Technik, die wir lieben, so
wie zum Beispiel das Internet, war ursprünglich oft für militärische Zwecke
gedacht. Die moralischen Auswirkungen unserer guten oder schlechten Handlungen lassen
sich nicht wissenschaftlich vorhersehen. Sie offenbaren sich. Die Hoffnung bedeutet nicht zu glauben, daß sich
die Dinge gut entwickeln werden, weil wir sozialen Ursachen beseitigen,
Technologie entwickeln oder irgendeinen Feind der Menschheit vernichten.
Hoffnung sind Sie selber. Sie sind es, Die Sie dafür sorgen, daß das Leben,
auch unter den widrigsten Umständen, immer lebenswert sein wird.
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| Carl Michael von Hausswolff, Christine-Martha Roedelius, Hans-Joachim Roedelius |

























